Lesung: Walther Grunwald – „Gehungert haben wir nicht“

Buchvorstellung und Lesung

Walther Grunwald

„Gehungert haben wir nicht.“
Der Schwarzmarkt in Berlin 1945 bis 1949


Donnerstag, 24. Oktober um 20 Uhr

Einführung: Diethelm Kaiser

 

Eintritt frei!

Sie sind herzlich eingeladen!

 

 

 

NACHLESE

Hier zunächst einige Bilder von der Veranstaltung:

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Bevor Walther Grunwald Geschichten aus seiner Kindheit, dem Schwarzhandel-Familien-Netzwerk und zur Entstehung des Buches aufrollte, ging Diethelm Kaiser in seiner  Einleitung ins Detail. Er beschrieb unter anderem einige außergewöhnliche Ereignisse aus dem Berufsleben des Autors als Architekt, wie beim Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Die Grundlage des Buches wurde schon vor 40 Jahren bei einem beruflichen Aufenthalt in Pakistan gelegt. Hier wurde Walter Grunwald mit dem großen Hunger in der Bevölkerung konfrontiert. Er erinnerte sich an seine Kindheit, die Hungerjahre in Deutschland nach dem Krieg, und begann nach seiner Rückkehr mit Recherchen in der Familie und in Archiven. Es entstand eine umfangreiche Sammlung an Interviews und anderen Beiträgen, die veröffentlicht werden sollten, ohne Erfolg. Beim Berliner Nicolai-Verlag fand er endlich „seinen“ Lektor Diethelm Kaiser. Aus dem umfangreichen Konvolut entstand das vorliegende Buch. Der Ausspruch seiner Tante „Gehungert haben wir nicht“ führte zum Titel. Durch die vielen neuen Zusammenhänge und aufschlussreichen Einzelheiten entstand im Anschluss eine anregende Diskussion.

!!!Am Ende des Artikels finden Sie den Vortrag von Diethelm Kaiser!!!

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1945. Der Vater in Kriegsgefangenschaft, die Mutter hamstert und schiebt, um ihre vier Kinder durchzubringen. Ein Schicksal, das viele teilten. Wie haben der 1938 geborene Autor und seine Familie überlebt? Wie gelang es seinen Verwandten, ein Netzwerk von Schwarzhändlern aufzubauen? Welche Risiken gingen sie ein, welche Ängste durchlitten sie? Und mit welchem Selbstverständnis konnten manche inmitten des täglichen Elends sagen: „Gehungert haben wir nicht“?

Der Autor stützt sich auf Erinnerungen seiner Familie und ergänzt diese durch Auszüge aus Berliner Zeitungen sowie Mitteilungen der Besatzungsmächte. Und er beschreibt, wie der Schwarzmarkt – mehr noch als die Luftbrücke – das Überleben der West-Berliner sicherte. So liefert das Buch wichtige Erkenntnisse zur Berliner Zeitgeschichte vom Kriegsende bis zur Währungsreform

Walther Grunwald, geboren 1938 in Halle, ist Architekt, Stadtplaner und Fotograf. Er war Ende der 1970er Jahre Mitbegründer und mehrmals Spitzenkandidat der „Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger“ (WUB) in Berlin-Zehlendorf. Nach einem Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin war Grunwald als Mitarbeiter in verschiedenen Architekturbüros in den USA tätig, Projektbearbeiter im Rahmen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen in Karatschi und führt seit 1977 ein eigenes Architekturbüro in Berlin. Zu seinen Aufgaben gehören u. a. Restaurierungen von Schlössern in den östlichen Bundesländern, in Bayern sowie der Unterkirche des Französischen Doms in Berlin. Im Frühjahr 2004 gewann er den Wettbewerb zur Restaurierung der Weimarer Weltkulturerbe-Stätte Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, die jedoch vier Monate später abbrannte. Anschließend wurde er mit der Planung und Bauüberwachung des Wiederaufbaus beauftragt. Bereits 1995 plante er die Sanierung von Schloss und Jagdschneise Ettersburg in der Nähe des KZ Buchenwald bei Weimar. Im Jahr 2010 legte er für das Schießhaus-Gelände in Weimar einen Bebauungsplan vor.

Diethelm Kaiser, geboren 1957, studierte Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Pädagogik in Bonn. Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Hagen und Bonn sowie Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam. Von 2001 bis 2016 arbeitete er als Cheflektor, zuletzt auch als Programmleiter beim Berliner Nicolai Verlag. Als Autor und Herausgeber hat er diverse Bücher publiziert, unter anderem über Paul Gauguin, über das Hotel Adlon und über die Berliner Malergruppe „Die Schule der neuen Prächtigkeit“.

Format: 15 x 22 cm, etwa 50 Abbildungen, 296 Seiten, Hardcover

Preis: 22,00 EUR

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Und hier der leicht gekürzte Vortrag von Diethelm Kaiser:

Einführung
zur Lesung von Walther Grunwald, 24. Oktober 2019, Buchhandlung Binger

In Krisenzeiten hat die Vergangenheit Hochkonjunktur. Wenn für unumstößlich gehaltene Gewissheiten nicht mehr gelten, stellen sich Fragen: Wie hat das eigentlich begonnen, dessen Ende oder tiefgreifende Wandlung sich abzeichnet? Auf welchem Fundament ruht das, was für uns lange Zeit selbstverständlich war und eine scheinbare Sicherheit verbürgte?

Offensichtlich leben wir in einer solchen Zeit der tief greifenden Umbrüche, und wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, dass in letzter Zeit einige Bücher erschienen sind, die nach den Anfängen unseres heutigen Staatswesens fragen. Und dass diese Bücher einen solchen Erfolg haben. Erinnert sei hier nur an Harald Jähners Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955, das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet wurde. Ein weiterer Titel, ebenfalls 2019 publiziert: Als Deutschland sich neu erfand: Die Nachkriegszeit 1945–1949 von Uwe Klußmann. Und vor allem: »Gehungert haben wir nicht«. Der Schwarzmarkt in Berlin 1945 bis 1949, das Buch von Walther Grunwald, aus dem der Autor heute liest.

Es konzentriert sich, anders als etwa der Band von Harald Jähner, auf den Schwarzmarkt. In seinem Buch spannt Walther Grunwald einen weiten Bogen vom Ende des Krieges bis zur Währungsreform und zur Berlin-Blockade, er erläutert, wie der Schwarzmarkt in seinen vielen unterschiedlichen Facetten funktionierte, und weshalb fast jeder, der überleben wollte, gezwungen war, an ihm teilzunehmen. Er schildert die Hamsterfahrten der Berliner ins Umland, berichtet von den teils skurrilen Versuchen der Selbstversorgung aus dem Vorgarten und von der stabilen Zigarettenwährung. Darüber hinaus bettet er das Geschehen auf dem Schwarzen Markt in die allgemeine Politik ein, die in den Jahren zwischen 1945 und 1949 eben hauptsächlich Besatzungspolitik der Alliierten war.

Vor allem aber, und das ist der entscheidende Unterschied, ich würde auch sagen: der entscheidende Vorteil gegenüber dem Jähner-Buch, Walther Grunwald verknüpft diese Berichte mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen. Am Ende des Krieges sechs Jahre alt, hat er selbst noch Hamsterfahrten mitgemacht und Schwarzmarktware geschmuggelt. Und was er damals als kleiner Junge noch nicht begriffen und durchschaut hatte, recherchierte er später: indem er zeitgenössische Zeitungen durchforstete und, am allerwichtigsten, Interviews führte mit den Bekannten und Verwandten, die an dem Schwarzmarktnetzwerk beteiligt waren, das seine Eltern aufgebaut hatten. An einer Stelle im Jähner-Buch heißt es, um durchzukommen in jener Zeit, musste man »sich was trauen« (Wolfszeit, S. 227). Das wird in Grunwalds Buch vorzüglich belegt und reich instrumentiert. Wenn es Menschen gab, die »sich was trauten«, waren das, neben den Eltern von Walther Grunwald, Tante Betty und Onkel Otto, Tante Trude und Onkel Fritz, die häufig ihren Auftritt im Buch haben. Insbesondere die beiden Letzteren waren Berliner Typen, wie man sie nicht erfinden kann, begabt mit unglaublicher Chuzpe, schlagfertig, durchsetzungsstark, höchst erfindungsreich im Umgehen gesetzlicher Vorschriften. Und zugleich waren sie aufrichtig durchdrungen vom Stolz auf die eigene Anständigkeit. Wie es Walther Grunwald gelingt, auf der einen Seite Not und Elend der Zeit, auf der anderen Seite den Überlebenswillen der Menschen und zudem noch die innere, durchaus zwiespältige Haltung der Schieber und Schwarzhändler aus der eigenen Familie zu vermitteln, das hat schon besondere, manchmal literarische Qualitäten.

Lassen Sie mich noch einige kurze Sätze zum Autor sagen:

Walther Grunwald, geboren 1939, hat den größten Teil seiner Kindheit und Jugend in Berlin gelebt. Er studierte Architektur und andere Fächer wie Literatur, Englisch und Geologie an der TU Berlin, war als Architekt von 1968 bis 1970 im Büro von Philip Johnson in New York, 1970 und 1971 als Stadtplaner im Auftrag der UNO in Karachi, Pakistan. Seit 1973 führt er ein eigenes Architekturbüro, das auf Denkmalpflege spezialisiert ist.

Das ist aber bei Weitem nicht alles, was er tut, schafft und gestaltet. So ist er zum Beispiel auch Künstler, der mit einem Land-Art-Projekt 1999 in der Europäischen Kulturhauptstadt Weimar vertreten war. Er ist darüber hinaus Fotograf, der nicht nur beispielsweise für das Archiv für Kunst und Geschichte (AKG) in den frühen 1990er Jahren prähistorische Felsmalereien in Algerien, Mali und Libyen fotografierte, sondern auch eine Vielzahl von Foto-Ausstellungen unter verschiedenen Themen veranstaltete und noch immer veranstaltet. Die Kataloge zu diesen Ausstellungen tragen schöne poetische Titel wie Am Rande der Stille oder Licht am Anfang.

Natürlich hat er auch eine besondere Beziehung zu Büchern: Er ist nicht nur ein besessener und oftmals verzückter Leser, er hat nicht nur mehrere Bände, vorwiegend zur Architektur publiziert, er gehört auch zu jenen seltenen Menschen, die Bücher gerettet haben, und nicht nur irgendwelche. Er war am Abend des 2. September 2004, als in der berühmten Anna Amalia Bibliothek in Weimar ein Feuer ausbrach, schnell vor Ort. Nur wenige Wochen zuvor hatte er den Auftrag übernommen, die Bibliothek gründlich zu sanieren. Und just am Tag vor diesem 2. September hatte er vom Statiker erfahren, dass die Decke der Bibliothek eine Renaissance-Decke war, eine sogenannte Mann-an-Mann-Decke, bei der die Holzbalken direkt nebeneinander gelegt waren. Wäre es eine Barockdecke gewesen, die zwischen den Balken jeweils breite Zwischenräume aufweist, wäre sie viel schneller durchgebrannt. Im Wissen, dass die Decke dem Feuer länger standhalten würde, konnte nun Walther Grunwald den Feuerwehrleuten und Freiwilligen zusichern, dass sie ohne Gefahr noch länger Bücher und andere Kostbarkeiten aus der Bibliothek herausschaffen konnten. So wurden viele weitere wertvolle Bücher aus dem jahrhundertealten Bestand der Anna Amalia Bibliothek gerettet.

Aber jetzt endlich zu dem Buch, aus dem Walther Grunwald gleich lesen wird – freuen Sie sich auf Erläuterungen und Geschichten zum Schwarzmarkt und auf Tante Trude und Onkel Fritz und all die anderen Schwarzhändler! (©Diethelm Kaiser)