Eva Pietzcker – Neue Arbeiten. Holzschnitte

Eva Pietzcker
Neue Arbeiten. Holzschnitte
9. Juli bis 30. September 2018

 

 

 

Mit der Entdeckung des japanischen Holzschnittes hat Eva Pietzcker nach dem Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und an der Hochschule der Künste in Berlin ihr Medium gefunden. Die in Berlin lebende Künstlerin hat die fernöstliche Holzschnitttechnik bei Meistern in Japan studiert. Im Unterschied zur westlichen Technik lassen sich beim japanischen Holzschnitt äußerst malerische Effekte erzielen. Der Grund: Die mit dem Pinsel auf den geschnittenen Druckstock aufgetragenen Wasserfarben werden mit der Hand auf das Papier umgedruckt. Dadurch können die wässrigen Farben tief ins Papier eindringen. Mit der nicht einfach zu handhabenden Technik lässt Eva Pietzcker Werke voller Ruhe, Leichtigkeit und Ausdruckskraft entstehen. Die Darstellung der Landschaft steht dabei im Mittelpunkt. Pietzckers Landschaftsstriche werden von einer unbeschreiblichen Stille getragen. Menschenleer und fernab der Zivilisation präsentieren sich ihre Landschaften. Einzig der von der Natur geschaffene Augenblick zählt. Die Werke der leidenschaftlichen Druckgrafikerin wurden bereits bei zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Japan, China, England, Deutschland und in den USA präsentiert.  

Nachlese zur Vernissage

Ein lauer Sommerabend, die sympathische Künstlerin, eine spannende Laudatio, inspirierende Bilder und angenehme Gäste machten diese Vernissage zu einem unterhaltsamen Erlebnis. Diethelm Kaiser erläuterte in seiner Einführung nicht nur die Technik des Holzschnittes sondern ganz speziell die des japanischen Farbholzschnittes, ein außergewöhnliches, langwieriges Verfahren. Den aufschlussreichen Text hat uns Diethelm Kaiser dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. Er ist unten eingefügt. Eva Pietzker gab gerne Einblicke in ihre Arbeitsmethoden und es entstanden anregende Gespräche. Es lohnt sich, die Buchhandlung zu besuchen und sich diese wunderbaren Arbeiten anzuschauen. Wir wünschen der Künstlerin viel Erfolg. Und hier ein paar Fotos der Vernissage:

 

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Rede von Diethelm Kaiser zur Ausstellungseröffnung am 9. Juli 2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Werke, die Sie hier sehen, sind Holzschnitte, genauer: japanische Holzschnitte, noch genauer: japanische Farbholzschnitte. Das ist wahrscheinlich für viele von Ihnen nicht sofort erkennbar und vielleicht auch überraschend. Einige Erläuterungen sind sicher hilfreich. Sprechen wir also zunächst über die Technik.

Der Holzschnitt, ein Verfahren, das schon sehr früh die Reproduktion von Bildern erlaubte, hat in Europa eine sehr lange Tradition, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Große Namen sind damit verknüpft, etwa Dürer und Holbein, später Gauguin und Munch, in Deutschland die Expressionisten und Mitglieder der Künstlergemeinschaft „Brücke“ wie Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Erich Heckel, Emil Nolde.

Vor allem in den Werken dieser Expressionisten sehen wir dasjenige auf extreme Weise verwirklicht, was den Holzschnitt nach europäischem Verständnis ausmacht: die Tendenz zur Reduktion und Vereinfachung, starke Kontraste, Dominanz der Fläche, auch Vehemenz des Ausdrucks. Das Wort „holzschnittartig“ dient im Deutschen zur Charakterisierung von Gegebenheiten, Verhältnissen und Ansichten, die, so der Duden, „grob, rudimentär, undifferenziert“ sind.

Davon allerdings sind die Holzschnitte von Eva Pietzcker weit entfernt. Starke Kontraste gibt es zum Teil auch dort, ja, und ebenso eine vorherrschende Flächigkeit, aber ihre Werke sind nicht undifferenziert, nicht grob und schon gar nicht laut. Worin besteht der Unterschied?

Der liegt tatsächlich schon in der technischen Ausführung. Beim Holzschnitt arbeitet der Künstler seinen Bildentwurf am hölzernen Druckstock aus, indem er, vereinfacht gesagt, mit Schneidemessern die Partien entfernt, die nicht gedruckt werden, also nicht auf dem Papierabzug erscheinen sollen. Die übrig gebliebenen, erhabenen Teile werden eingefärbt und dann auf das Papier gepresst. Bei Farbholzschnitten müssen mehrere Druckstöcke – selbstverständlich passgenau – angefertigt werden, um mehrere Farben an den dafür vorgesehenen unterschiedlichen Stellen auftragen zu können.

In Europa, im Westen verwendet man Ölfarbe, die mit einer Walze aufgetragen wird. Auf das auf den Druckstock gelegte Papier wird dann mit Hilfe einer Presse ein hoher Druck ausgeübt, wodurch die Farbe auf die Oberfläche des Papiers fixiert wird.

Im japanischen Holzdruckverfahren trägt man statt der Ölfarbe Wasserfarbe, die mit Reispaste vermischt ist, auf, und zwar mit einem Pinsel. Ein angefeuchtetes Blatt Papier wird auf den eingefärbten Druckstock gelegt und mit einem entsprechenden Hilfswerkzeug (Reiber, japanisch baren) in Handarbeit abgerieben – ein langwieriger und durchaus physisch anstrengender Vorgang. Mit dem Ergebnis, dass die Farbe nicht auf der Oberfläche des Papiers bleibt, sondern sich tief mit seiner Struktur verbindet. Die so produzierten Holzschnitte sind feiner, nuancierter als die nach europäischem Verfahren hergestellten, sie ähneln auch mehr Aquarellen als den uns geläufigen Holzschnitten.

Eva Pietzcker, die in den 1980er und 1990er Jahren an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und an der Hochschule der Künste Berlin studiert und sich als freischaffende Künstlerin auf Druckgrafik spezialisiert hatte, begegnete dieser Technik das erste Mal in Kalifornien. Begeistert davon, entschloss sie sich, sie in dem Land zu erlernen, aus dem diese Technik stammt; 2003 erhielt sie die Möglichkeit dazu, als Artist-in-Residence in Nagasawa in Japan. Weitere Aufenthalte in Japan und auch China folgten. Und bis heute ist der japanische Holzschnitt ihre favorisierte Kunstform geblieben.

Jede Technik setzt dem Künstler, der sie benutzt, Grenzen, sie eröffnet aber damit auch einen spezifischen Aktionsraum und eine ganz eigene Ausdrucksmöglichkeit. Der künstlerische Prozess ist im Medium des Farbholzschnitts in mehrere Etappen aufgeteilt. Zunächst ist da die Skizze, in der die Bildidee, der Bildgegenstand, die Komposition, die Verteilung von Formen und Farben festgelegt wird. Gleichzeitig vollzieht sich hier bereits in der geistigen Vorstellung die Aufteilung des gesamten Bildraums in die Segmente, die den verschiedenen Farben vorbehalten sein sollen; es erfolgt also schon die Planung hinsichtlich Zahl und Funktion der benötigten Druckstöcke. Man muss »in Platten denken«, so beschreibt das die Künstlerin. Übrigens auch spiegelverkehrt, sei hinzugefügt. Weitere Schritte sind die Übertragung der Skizze auf den Druckstock, dann das Wegschneiden der nicht benötigten Holzflächen und die Bearbeitung der Schnittkanten, schließlich der Druckvorgang, also die Übertragung des Bildes bzw. von Teilen des Bildes auf das Papier.

Was wir hier an den Wänden sehen, sind also die Endprodukte eines langen Prozesses. Und, auch das ist erwähnenswert, wir haben in diesen Werken nicht die Originale vor uns, die die Künstlerin gestaltet hat, also die Druckstöcke. Das Original tritt hinter die Reproduktion zurück und gegenüber dem Betrachter in der Regel auch gar nicht in Erscheinung.

Und im Blick auf den künstlerischen Herstellungsprozess darf man sagen: Die »Inspiration«, der »künstlerische Einfall«, der »furor poeticus«, der »Kuss der Musen«, wie immer man das nennen will, ist nur ein kurzer, anfänglicher Moment, der in der schnellen Skizze festgehalten wird – und sich dann natürlich in der Ausgestaltung als tragfähig erweisen muss. Das auf die Skizzierung Folgende ist eine mitunter sehr langwierige und sehr harte Arbeit, ein sich buchstäblich »ins Material Hineingraben«, um das »hervorzubringen«, was am Schluss in der künstlerischen Präsenz sichtbar wird. Die einzelnen Etappen mag man zwar getrennt darstellen können, wie ich es eben getan habe, aber selbstverständlich ist alles dicht miteinander verwoben. Der künstlerische Ausdruck und die technische Fertigung sind zwei Seiten derselben Medaille. Wir dürfen uns hier daran erinnern, dass der schon bei Aristoteles in seiner Kunsttheorie verwendete zentrale Begriff téchne meist mit »Kunst« oder auch »Kunstregel« übersetzt wird.

Bemerkenswert ist übrigens, dass das Erfassen der Bildidee in der Skizze, die »Inspiration«, als viel anstrengender, als viel »erschöpfender« erlebt werden kann als die mitunter mühselige Ausarbeitung der ursprünglichen Bildkonzeption. Die Intensität, Konzentration und Spannung, die sich im Bildfindungsprozess aufbaut, ist, so Eva Pietzcker, nicht lange durchzuhalten – und transformiert sich dann, darf vermutet werden, in der mühseligen, zugleich aber ent-spannenden Arbeit am Druckstock und im Druckvorgang selbst.

Kommen wir zum Schluss zu den Ergebnissen des langen Produktionsprozesses: Die hier hängenden Werke zeigen Landschaften und Stillleben, zwei klassische Genres der westlichen, aber auch östlichen Kunstgeschichte. So denken wir bei den Landschaften sofort an Katsushika Hokusai (1760–1849), den großen Meister des japanischen Holzschnitts. Mit der Darstellung des Berges Fuji hat die Künstlerin ihm die Reverenz erwiesen. Anders aber als beispielsweise in dessen berühmter Farbholzschnittserie 36 Ansichten des Berges Fuji ist der Vordergrund des Bildes von Eva Pietzcker nicht ausgefüllt von Gebäuden, Stadtansichten, Frachtschiffen, sich hoch auftürmenden Wellen, von Reisegruppen oder Vergnügungsgesellschaften: In ihrem Bild entfaltet sich die reine Natur, eine Landschaft, in der gesammelte Ruhe herrscht. Ganz ähnlich verhält es sich in den anderen Landschaftsbildern, die Sie hier sehen: Hier kommt es zu keiner Störung durch geschäftiges menschliches Treiben; auch von der Komposition her gibt es keine Ablenkungsmanöver, sondern Balance und wenige, wohl gesetzte Akzente; es ist ein Verweilen, ein in die Weite sich öffnendes inneres Schauen.

Eva Pietzcker legt Wert darauf, dass es bei den Szenerien, den Flüssen, Stränden, Bergen, nicht um die Abbildung bestimmter Landschaften und Landschaftselemente geht. Es handelt sich nicht um einen individuellen, namentlich zu benennenden Fluss, nicht um einen individuellen, Berg, sondern um den Berg schlechthin, der sich demutgebietend vor einem erhebt und das Unverrückbare verkörpert. Oder um den Fluss, an dem man hin und wieder sitzt und, das Vorübergleiten des Wassers beobachtend, das eigene Leben bedenkt. Ihre Bilder sind, so eine Formulierung der Künstlerin, »archetypische Bilder«. Man könnte auch den Begriff der Ideen im platonischen Sinne ins Spiel bringen. Das Werk bildet nicht etwas real Vorhandenes ab, sondern transportiert die Idee eines ursprünglich Gegebenen – die im besten Fall eine Korrespondenz findet im jeweiligen Kosmos des Betrachters und in ihm etwas berührt, was seinerseits in die Regionen des Archetypischen hineinreicht.

Dass bei einem solchen Konzept die schlichte Frage nach dem sogenannten Realismus der Kunst schon längst überholt ist, sei nur nebenbei erwähnt. Allerdings wäre noch einmal auf die Technik zurückzukommen und ihre unlösbare Verbindung mit dem, was in ihrer Hervorbringung zum Ausdruck kommt: So wie im Holzschnitt das Papier eine Spiegelung dessen aufnimmt, was als Original zurückbleibt, scheint im Bild etwas auf, das sich der direkten Darstellung entzieht. Der technische Herstellungsprozess und die Bildaussage konvergieren an diesem Punkt, beide weisen über sich hinaus beziehungsweise auf etwas zurück. Genau um diese Spannung geht es nach meinem Eindruck in den hier gezeigten Werken der Holzschnittkunst, nicht um Abbildung, nicht um Nachahmung.

Ein letzter Blick sei erlaubt auf die Stillleben, die eine delikate Überraschung sind. Motivisch sind sie ein dezidierter Kontrapunkt zu den Landschaften: statt Weite und Größe hier das Kleine, das Gegenständliche. Anstelle eines Raumes nun die Konzentration auf etwas Begrenztes, Vereinzeltes. Und auch in der Darstellungsweise verfolgen die Stillleben eine andere Richtung: Sie betonen noch mehr das Malerische, das Aquarellhafte, sie reizen die Möglichkeiten der Nuancierung in der Farbgebung und der Zeichnung so radikal aus, dass man fast den Eindruck gewinnt, die Künstlerin strebe hier über die Grenzen des Mediums hinaus. Hinzu kommt, dass in diesen Werken eine für die Holzschnittkunst ungewöhnliche Räumlichkeit hervorgebracht wird. Das betrifft allerdings weniger den Hintergrund, hier gibt es zumeist eine Flächigkeit, die mitunter auch durch eine klare farbliche Zweiteilung betont wird. Die Räumlichkeit wird vielmehr um die einzelnen Gegenstände herum – Blumen, Äste, Glas, Schale, Vase – erzeugt, durch Schattenwurf, durch Lichtkreise, Spiegelungen, Farbabstufungen. Erreicht wird dadurch, dass die dargestellten Gegenstände sich noch deutlicher aus dem Atmosphärischen des Hintergrunds herausheben. Es geht im Dialog mit dem Bild um die besondere Konzentration auf das dargestellte Objekt – und damit wird eine Möglichkeit des schauenden Erfassens eröffnet, die wir, in etwas anderer Form, auch in den Landschaftsansichten wiederfinden können. Diese geradezu spirituelle Intensität der ruhigen, aufmerksamen Betrachtung, das scheint mir ein Kernanliegen der Holzschnittkunst von Eva Pietzcker zu sein.
© 2018 Diethelm Kaiser

Diethelm Kaiser, geboren 1957, studierte Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Pädagogik in Bonn. Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Hagen und Bonn sowie Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam. Von 2001 bis 2016 arbeitete er als Cheflektor, zuletzt auch als Programmleiter beim Berliner Nicolai Verlag. Als Autor und Herausgeber hat er diverse Bücher publiziert, unter anderem über Paul Gauguin, über das Hotel Adlon und über die Berliner Malergruppe „Die Schule der neuen Prächtigkeit“.

Ausstellung November 2016: http://www.buchhandlung-binger.de/ausstellungen/eva-pietzcker-berge-und-fluesse-2/#more-3235

Künstlerin: http://www.pietzcker.de/